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Gestalten Sie Liebfrauen mit!

Liebfrauen ist bunt. Die Besucherinnen und Besucher dieses Ortes kommen aus allen Ecken Frankfurts, des Rhein-Main-Gebiets und nicht zuletzt: aus der ganzen Welt. Frankfurt ist international und diese Mischung spiegelt sich in Liebfrauen wieder. So vielfältig wie die Menschen, die hierher kommen, sind die Angebote, Aktivitäten und Gruppen, die sich zu Gottesdienst, Austausch, Freizeitgestaltung oder Bildung versammeln

Aktivitäten und Dienste

Ergreife Deine Aufgabe

von Bruder Paulus Terwitte

Wie findet jemand seine Aufgabe? Ich möchte dazu mit Ihnen in die Geschichte unseres Ordens zurückblicken. Es war vermutlich der Morgen des 24. Februar 1208. Der 26-jährige Kaufmannssohn Franziskus von Assisi nimmt in der Portiunkula-Kapelle zu Füßen seiner Heimatstadt an der Frühmesse teil. Sechs wirre Jahre des Suchens liegen hinter ihm. 1202 war er als verwöhnter Sohn des reichen Kaufmanns Pietro Bernadone begeistert in den Krieg mit der Nachbarstadt Perugia gezogen. Und in Gefangenschaft geraten. Er wird schwer krank. Er zieht sich zurück. Hat ekstatische Visionen. Er weiß sich mehr und mehr mit Jesus Christus verbunden. Weiß nicht, wie er das in die Tat umsetzen soll. Er besucht kleine Kapellen in der Umgebung seiner Heimatstadt. An diesem 24. Februar 1208 ist er in der Portiunkula-Kapelle. Es ist der Festtag des Evangelisten Matthäus

Er hört dessen Evangelium, den Abschnitt von der Aussendung. Kein Gold, Silber oder Geld, keine Geldbörse, keinen Reisebeutel, kein Brot, keinen Stab, keine Schuhe, keine zwei Leibröcke: Jesus weist seine Jünger klar an, wie sie leben und unterwegs sein sollen: Absolut besitzlos, das Reich Gottes verkündend und die Buße predigend. Franziskus ist wie vom Donner gerührt: „Das ist es, was ich will; das ist es, was ich suche; das begehre ich von ganzem Herzen zu tun.“ Er sucht von da an das Evangelium buchstabengetreu zu erfüllen. In seinem „Testament“ schreibt er: „Und nachdem der Herr mir Brüder gegeben hatte, da zeigte mir niemand, was ich tun müsse, sondern der Allerhöchste selbst offenbarte mir, dass ich nach der Form des heiligen Evangeliums leben müsse. Und ich ließ es in wenigen Worten und einfach niederschreiben, und der Herr Papst bestätigte es mir.“ Als er 20 Jahre später 1228 stirbt, sind über 10.000 Minderbrüder in ganz Europa unterwegs. 

Nicht die Größe der Aufgabe enscheidet, sondern das Wie, mit dem wir die kleinste zu lösen verstehen.
Theodor Fontane (1819 – 1898)

Vom fernen Italien gehe ich mit Ihnen hier nach Frankfurt am Main. Vermutlich 1238, nur 10 Jahre nach dem Tod des Sonnensängers aus Assisi, stiftet der Frankfurter Heinrich Knoblauch das Frankfurter Barfüßer- oder Franziskanerkloster. So berichtet es der Frankfurter Patrizier Achilles Augustus von Lersner; 1270 wird das Kloster erstmals urkundlich erwähnt. Es lässt sich kaum erahnen, was den Stifter bewogen hat, den Minderbrüdern dort, wo heute die Paulskirche steht, ein Kloster und eine Kirche zu bauen. Die Bewegung des
Franziskus von Assisi hatte wohl einen solch guten Leumund, dass es Heinrich Knoblauch als seine Aufgabe ansah, ihnen Frankfurt als Niederlassungsort anzubieten. Kloster und Kirche hatten dann immerhin bis zur Reformationszeit 300 Jahre Bestand. Dass sich mit dem Kommen der Kapuziner die franziskanische Idee in Frankfurt weiter beheimatet hat, ist ein freundlicher Zug der Geschichte, der mich persönlich immer wieder freut. Zur Stadt hier gehören schon so lange diese Brüder, die mit ihrem Ordensgründer voller Elan nur eine Aufgabe im Sinn hatten: Jesus Christus zu dienen und ihm Hand und Fuß, Hirn und Herz und Mund zu überlassen. Zu bezeugen: Dass niemand zu klein ist, um mit Gott seine Aufgabe erfüllen zu können. Einfach anfangen. Und manchmal wird daraus sogar sichtbar Großes. Wie die wunderbar vielfältige Kirchenmusik an der Liebfrauenkirche im Gefolge von P. Titus Hübenthal, dem Wiedererbauer der im Krieg zerstörten Kirche; der Verein Lukas14, der aus der Gehörlosenseelsorge von P. Amandus Hasselbach gewachsen ist; oder der Franziskustreff aus der Liebe von Br. Wendelin Gerigk zu den obdachlosen Mitmenschen.

Wenn man das Dasein als eine Aufgabe betrachtet, dann vermag man es immer zu ertragen.
Marie von Ebner-Eschenbach

Wie finde ich zu meiner Aufgabe? Die Suche des Franziskus von Assisi, sein Finden in der Kapelle Portiunkula: Das gehört zu den Urgeschichten der franziskanischen Bewegung. Wollte man zusammenfassen, was uns Kapuziner in Gebet und Arbeit, Seelsorge und Verkündigung bewegt, wäre es von dieser Geschichte her: Du hast eine Aufgabe! Gott hat dich geschaffen. Das kann dir genug Motivation sein, Liebe zu wagen. Kein Umstand ist dir dann zu schwierig, nicht noch nach Lösungen zu suchen. Keine Dunkelheit zu dunkel, um nicht noch ein Licht darin zu erkennen. Mit einem Wort: Nicht aufgeben. Und zwar nicht deswegen, weil man ständig und überfordernd angefeuert wird. Sondern weil man nicht nachlässt, dem inneren Ur-Feuer zu vertrauen, dass Gott in jede Kreatur gelegt hat. Wie Franziskus von Assisi: Als der Orden ihm zu groß wird, verlegt er sich auf Gebet und Meditation. Als er vor lauter Krankheiten nicht mehr so recht umherziehen kann, dichtet er, schreibt Briefe und findet so den Weg von der Aufgabe zur Hinaufgabe zu seinem Schöpfer: So schwach er am Ende ist: Die Brüder spüren seine Stärke selbst noch im Sterben. Von wegen: Sich aufgeben! Nein, wenn schon, dann sich hinaufgeben und die Schwierigkeiten im Leben als Sprossen der Leiter zu Gott annehmen. Der Bruder Immerfroh! Ich mochte diese Bezeichnung lange nicht. Jetzt verstehe ich sie tiefer: Er hatte die Gnade, in allem eine Aufgabe erkennen zu können, die einen dem gottgesetzten Lebenssinn näherbringt. Konnte immer froh sein, weil er jedem Kreuz den Glanz der Auferstehung abringen konnte.

„Bete, dass deine Einsamkeit der Stachel werde, etwas zu finden, für das es sich zu leben lohnt, groß genug, um dafür auch zu sterben.“ Dag Hammarskjöld (1905 – 1961)

Die Frage nach der eigenen Aufgabe stellt sich immer neu. Die Liebe zu einem Menschen, der einem die Gewohnheiten des Alleinseins durcheinanderwirbelt; Kinder, die sich zur Verwunderung der Eltern anders entwickeln als gedacht; Eltern, die durch das Alter anders werden als erwartet; der eigene Körper, der uns durch Unfall oder Krankheit behindert, die bisherigen Aufgaben zu erfüllen; oder jetzt die Pandemie. Ich wünsche mir und Ihnen, dass die Fragen, die aufbrechen, ins Gebet münden, so münden, wie der heilige Franziskus von Assisi es formulierte: „Was willst du, Herr, dass ich tun soll?“ Das Leben und seine Widerfahrnisse als Provokation begreifen, durch die Gott uns herausfordert. So verstehe ich auch die franziskanische Haltung, in Armut leben zu wollen: Allein auf Gott seine Hoffnung zu setzen. Dem, was ist, die
zweite Stelle zuzuweisen und es nicht zu vergötzen. Neues geschehen lassen, ausprobieren, wagen. Nur für das zu leben, wofür es sich lohnt zu leben: Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Franziskus von Assisi hatte die Form gefunden, in der er das verwirklichen wollte. Er macht Ihnen Mut, sich ganz auf die Aufgabe aller Aufgaben zu besinnen und diese zu ergreifen. Sie werden daraus die Form finden, die Ihnen zugedacht ist. Sie werden in der Erfüllung Ihrer Aufgabe mit Elan und in Freude das Leben Leben sein lassen und darin Gott lieben können und den Nächsten – wie sich selbst.

Du hast eine Aufgabe zu erfüllen. Du magst tun was du willst, magst hunderte von Plänen verwirklichen, magst ohne Unterbrechung tätig sein – wenn du aber diese eine Aufgabe nicht erfüllst, wird alle deine Zeit vergeudet sein.
Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 – 1273)