„Das Mutterland ruft mich!“
Bruder Anil ist neu in Liebfrauen

Bruder Anil

„Das Mutterland ruft mich!“ Bruder Anil ist neu in Liebfrauen

Bruder Anil ist neu in Liebfrauen ab August 2021. Der Kapuziner aus Indien ist seit August 2021 in der Seelsorge in Frankfurt am Main tätig. Er ist bereit zu Gespräch und Gottesdienst. Hier stellt er sich vor.
Dass ich einmal Philosophie studiere, danach sahen meine ersten Lebensjahre nicht aus. Ich wurde geboren in Vizag, einer Hafenstadt mit 1,7 Millionen Einwohnern an der Küste des Golfs von Bengalen. Sie ist Teil des Bundesstaates Andhra Pradesh in Südindien. Meine sehr liebevolle katholische Familie, Eltern und zwei ältere Brüder, war ein Segen für mich. Ich erhielt so Anteil am christlichen Glauben unter vielen anderen Religionen, die es in Indien gibt.

Der einzige Franziskaner …

…, den ich vor meinem Eintritt in den Orden kannte, war der heilige Antonius von Padua. Unsere Familie hegt eine besondere Verehrung für ihn, denn sie hat einen starken tamilischen Hintergrund. Als ich sehr jung war und in das örtliche Priesterseminar eintreten wollte, sprach sich mein Vater dagegen aus. Er meinte, ich sei noch zu jung für eine solche Entscheidung. Dennoch trat ich in das Seminar der Diözese ein. Dort reifte mein Glaube und es verstärkt sich mein Wunsch, Franziskaner zu werden. Seit dem Noviziat 2001 bin ich Kapuziner. Ich hatte wunderbare Menschen um mich herum, die meine Berufung immer wieder unterstützt und gefördert haben.

Ich liebe die Welt

Als junger Kapuziner in der Ausbildung durfte ich sehr unterschiedliche Erfahrungen machen:  Besuch von nahegelegenen Dörfern, der Dienst in einem Zentrum für geistig behinderte Menschen, im Sommer die Arbeit mit Menschen in den Dörfern im Odisha, die Opfer von Verfolgung wurden. Das alles bestärkte mich, dass man sich nicht in ein Kloster einschließen muss, um dem Herrn zu dienen. Besser ist es, sich der Welt auszusetzen und ein Teil von ihr zu sein. Meine Erfahrungen in Bangalore, einer der größten Metropolen Indiens, als Aushilfspriester und in meiner Heimatstadt während der Ferien haben mir geholfen, noch weltoffener zu werden. Ich liebe die Welt, die der Herr geschaffen hat, und ich möchte die verschiedenen Kulturen und Lebensstile erforschen. Sie helfen mir, den Menschen, die in der Welt leben, mit all ihren Freuden, Aufregungen, Gebrechen, Schmerzen und Ängsten zu verstehen und ihnen zu dienen.

Glück im Unglück …

Mit diesen Erfahrungen und Überzeugungen wurde mir die Möglichkeit gegeben, meine Fähigkeiten weiterzuentwickeln und dem Volk Gottes und dem Kapuzinerorden zu dienen. So bin ich in Deutschland gelandet, um eine Doktorarbeit in Philosophie zu schreiben. Ich begann dieses Promotionsprojekt am Seminar für Philosophische Grundfragen der Theologie an der Katholisch Theologischen Fakultät, WWU, Münster. Leider verunglückte mein Doktorvater im Jahr 2019 und ich musste mir einen neuen suchen.

… durch einen Professor, der mich demütig macht

Wie das Sprichwort sagt, „Wenn der Herr eine Tür schließt, öffnet er ein Fenster“, wurde mir ein Weg an die Frankfurter Universität gezeigt, wo ich einen neuen Professor fand, der mein Projekt gerne annahm. Mehr als ich erwarten konnte, hat er sich der indischen Welt und Kultur angenähert, sich in mich hineingedacht und mich immer wieder zu verstehen gesucht. Das macht mich im Nachhinein wirklich demütig.

Meine Doktorarbeit: …

Der Titel meiner Doktorarbeit lautet: „Postmetaphysics.
A Socio-Philosophical Challenge of Jürgen Habermas to the Indian Religious Public Sphere“. Meine Arbeit konzentriert sich auf die Reflexion von Fragen, die eine erneute Artikulation des philosophischen Engagements in Bezug auf säkulare, rationale und religiöse Leistungen im heutigen Indien betreffen. Meine These dazu: Eine ent-rationalisierte Religion findet ihren Ausdruck in der fundamentalistischen und unreflektierten Präsenz von Religion in der Gesellschaft.

… Deutscher Philosoph hilft Indien

Zu diesem Zweck hilft das Habermas’sche Konzept des Nachmetaphysischen Denkens: Es will die rationalen Elemente der Religion, die insbesondere in den alten indischen religiösen Texten enthalten sind, und ihre Verflechtung mit dem gesellschaftlichen Leben ans Licht bringen; sie können dazu beitragen, normative Prinzipien für eine multikulturelle und religiöse Gesellschaft zu finden, die gegen unreflektierte religiöse Lebensstile ankämpft. Damit käme das Konzept des deutschen Philosophen auch Indien zugute, denn es zielt auf eine kritische Analyse der Religion im öffentlichen Raum, die das Gebot der Stunde ist und sich ausnahmslos auf jede in Indien existierende Religion bezieht. Denn das unreflektierte religiöse Leben dominiert überall.

Vielfalt hilft mir, zu verstehen

Meine Erfahrungen in Europa als Kapuziner und Priester waren sehr bereichernd. Als Doktorand konnte ich, um mein Studium und meinen Aufenthalt in Europa zu finanzieren, an verschiedenen Orten in der Seelsorge aushelfen, vor allem in Oberfranken und der Schweiz. Darüber hinaus hatte ich die Möglichkeit, zwei Sommer bei den italienischen Kapuzinern in Mailand und Florenz zu verbringen. Die Begegnung mit anderen Menschen und das Kennenlernen des Lebensstils der europäischen Kapuziner halfen mir, meine eigene Berufung und die Situation der Kirche, insbesondere ihren ständigen Kampf mit dem Leben des Glaubens in unserer Zeit, besser zu verstehen. Überall, wo ich Menschen mit religiösem Hintergrund begegnete, hatte ich die Gelegenheit, verschiedene Perspektiven des Religionsverständnisses zu diskutieren und kennenzulernen. Darum freue ich mich, wenn es nun heißt: Bruder Anil ist neu in Liebfrauen.

Europa hat eine Chance

Wenn die Leute sagen, es sei traurig, dass die Kirchen immer leerer werden, würde ich sagen, dass dies eine Zeit des Übergangs für das Christentum ist, weil Europa jetzt sehr eng mit anderen Religionen und Philosophien in Kontakt kommt; es ist keine einheitliche Gesellschaft mehr, sondern ein multikulturelles und multireligiöses Szenario ist im Kommen. Dies sollte als Chance gesehen werden, die zu einem reiferen und echteren Glauben führen kann.

Im Übergang in Liebfrauen

Ich bin nun froh, dass ich mit diesen Erfahrungen in Europa für den Rest meiner Zeit in Deutschland meinen Dienst in Frankfurt Liebfrauen leisten kann. Die letzten sieben Jahre habe ich in Münster bei den Kapuzinern gelebt, während ich an der Universität mein Doktoratsstudium absolvierte. Jetzt, nach der Verteidigung meiner Doktorarbeit, muss ich diese noch für die Veröffentlichung überarbeiten. Schön, wenn es heißt: Br. Anil ist neu in Liebfrauen! Ich bin glücklich, zwei Jahre am Leben von Liebfrauen teilnehmen zu dürfen. Doch dann kehre ich nach Indien zurück: Das Mutterland ruft mich!!!
Bruder Anil ist neu in Liebfrauen. Wir heißen ihn herzlich willkommen!

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